Vive la France?
Im vergangenen Wahlkampf haben sich in Frankreich etliche Intellektuelle für Nicolas Sarkozy ausgesprochen - ein völlig normaler Vorgang, den man in unterschiedlicher Stärke und Variation in jedem Wahlkampf hat.
Zum Erstaunen vieler deutscher Beobachter wurde dabei jedoch das herkömmliche Links-Rechts Schema durchbrochen, die ZEIT etwa stellte fest, dass der Geist rechts weht und klärte die Leser hierzulande darüber auf,
warum im französischen Präsidentschaftswahlkampf ehemalige Links-Intellektuelle offen für den konservativen Bewerber Nicolas Sarkozy werben.
Als bedeutendster Protagonist wird in dem ZEIT Artikel André Glucksmann bestimmt und seine Position folgendermaßen erläutert:
Der Essayist und Philosoph André Glucksmann, der Ende Januar in Le Monde seinen Aufruf “Warum ich für Sarkozy bin” veröffentlichte, ist nur der sichtbarste Repräsentant einer ganzen Reihe von Intellektuellen, die sich auf die Seite des rechtsbürgerlichen Kandidaten schlagen […]. Er sieht den Innenminister als eine Art konservativen Revolutionär, der ebenso gegen die Immobilität der Rechten wie gegen die Blindheit der Linken kämpfe – als Vertreter des »großherzigen Frankreichs, das die Bedrängten nie vergessen hat«.
In dem Aufruf wird dies weiter ausgeführt, Glucksmann schreibt:
Nicolas Sarkozy ist heute der einzige Kandidat, der sich in die Tradition dieses großherzigen Frankreichs stellt. Er beklagt das Martyrium der bulgarischen Krankenschwestern, die in Libyen zum Tode verurteilt wurden, die Massaker in Darfur und die Ermordung von Journalisten, und er verkündet eine Regierungsmaxime, die sich von Jacques Chiracs Auffassung sehr unterscheidet: “Ich glaube nicht an die sogenannte Realpolitik, die auf die eigenen Werte verzichtet, ohne einen einzigen Vertrag zu bewirken. Ich will das nicht hinnehmen, was in Tschetschenien passiert. Weil General de Gaulle die Freiheit aller Völker wollte, gilt das Recht auf Freiheit auch für sie. Schweigen bedeutet Komplizenschaft, und ich will der Komplize keiner Diktatur sein.”
Bisher hat es den Anschein, als ob Sarkozy auch tatsächlich nicht schweigen will. Als Außenminister hat er - glücklich das Land, welches das starre Links-Rechts Schemata durchbricht - den Sozialisten Bernard Kouchner ernannt. Dieser wird vom englischen Guardian als “leftwing human rights champion” und “leftwing humanitarian crusader” bezeichnet;
Kouchner also symbolises the new president’s promised moral crusade over human rights, particularly in Chechnya and Darfur, and his vow that France will stand up against dictators.
In der Sudan Tribune geht man daher davon aus, dass Darfur die Top-Priorität des neuen Außenministers sein wird:
The 67-year-old doctor-turned-politician, who founded the French charity Doctors Without Borders (MSF), is famous for developing the theory of “humanitarian intervention”. This argument justifies international action against dictators who flout human rights […]. He is going to want to give a lot of himself (and) will doubtless call for more pressure to be applied on the Sudanese government.
Als ersten Schritt hat Sarkozy am heutigen Mittwoch mit dem chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao ein Treffen arrangiert und diesen auf die Wichtigkeit der chinesischen Kooperation in der Darfur-Krise hingewiesen. Bleibt nur zu Hoffen, dass Sarkozy dieser Linie treu bleibt - und nicht mehr nur nicht schweigen will, sondern den Worten auch Taten folgen läßt, damit man anstelle von “Vive la France?” endlich “Vive la France!” schreiben kann.
Am 24. Mai 2007 um 07:06 Uhr
Witzig: der südafrikanische Linksliberale Tony Karon meint: “France typically elects rightwing presidents to implement leftwing policies”, und freut sich deswegen verhalten über Sarkos Sieg. Na, mal sehn.
Am 24. Mai 2007 um 15:46 Uhr
sieht so aus, als ob in Frankreich echter Neokonservatismus einzöge. Wann folgt Deutschland?
Am 24. Mai 2007 um 17:48 Uhr
So ein Sarkozy wär auch mal gut für Deutschland!!!
Am 24. Mai 2007 um 21:02 Uhr
Hier haben wir folgendes geschrieben:”Ob Sie die Grünen oder die CSU wählen, ob Sie Springer oder die Jungle World lesen, in dieser Gruppe sollen uns alle Demokraten willkommen sein!”.
Und ähnlich sehe ich es hier auch: Es ist mir herzlich egal, ob Sarkozy ein Neocon ist, oder ob Bernard Kouchner ein Sozialist ist. Entscheidend ist, wie sie sich zu einer massenmörderischen Diktatur verhalten.
Es war Sarkozy, der den wunderbaren Satz “Schweigen bedeutet Komplizenschaft, und ich will der Komplize keiner Diktatur sein” gesagt hat. Aber es hätte auch jemand aus einem ganz anderen Lager sein können. Hier wurde in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass die Konvention über die Verhinderung des Völkermordes u.a. in die österreichische Verfassung eingegangen ist - es gehört also zum österreichischen Selbstverständnis, dass man bei Völkermord eingreift - und sich durch sein Nichtstun nicht zum Komplizen macht. Genauso würde auch jeder Linke den Satz von Sarkozy unterschreiben. Oder die Grünen - die grüne Jugend engagiert sich sicher nicht gegen das Morden, weil sie auf einmal alle ein Weekly-Standart Abo haben und Sarkozy bei der Wahl in Frankreich die Daumen gedrückt haben.
Nee, solang es Demokraten sind, ist es mir wirklich egal, aus welcher Richtung sie kommen - Hauptsache, sie wollen sich nicht mit dem Morden abfinden.
Am 25. Mai 2007 um 03:26 Uhr
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Am 25. Mai 2007 um 08:58 Uhr
Erstaunlich, dass sich auch “linke Intellektuelle” über den neuen, starken Mann in Paris freuen. Nur nochmal so zur Erinnerung: Sarkozy ist der Politiker, der ein neues “Ministerium für Nationale Identität und Immigration” einrichtet. Sarkozy ist der Politiker, der bereits im Vorschulalter bei Kleinkindern potentiell kriminelle Kleinkinder identifizieren will (ohne dabei zu präzisieren, was mit diesen kleinen, zukünftigen Kriminellen dann passieren soll…). Sarkozy ist der Politiker, der im Wahlkampf mit Aussagen wie “Wir können auf unsere Vergangenheit stolz sein. Wir haben nicht die Endlösung erfunden.” Stimmen rechtsaußen von Le Pen gesucht und gefunden hat.
Der Jubel, mit dem nun einige “linke Intellektuelle” rechtsextreme Positionen begrüßen, beweist nicht, dass diese rechtsextremen Positionen richtig sind, sondern dass die französische Linke an ihrer eigenen Ideenlosigkeit, Programmschwäche und ewigen Nabelschau gescheitert ist. Die Berufung Kouchners ist ein geschickter politischer Schachzug, der Sarkozy weitere Stimmen bei der bevorstehenden Parlamentswahl sichern wird. Wie toll dann eine rechte Regierung mit einer erdrückenden parlamentarischen Mehrheit der UMP für Frankreich und Europa sein wird, werden wir dann alle erleben.
Vielleicht begreifen die französischen Linken irgendwann, dass sich die Wähler nicht für die parteiinternen Strömungen und Debatten innterhalb der PS interessieren, sondern konkrete Programme erwarten. Es wäre sinnvoller, wenn sich Linke mit der Frage beschäftigen würden, was linke Politik eigentlich ist und versuchen, diese umzusetzen, statt brav die Positionen des neuen, starken Manns nachzubeten. Und Glucksmann ist kein Einzelfall. Wir hatten auch mal Leute wie Horst Mahler oder Otto Schily, die den langen Marsch von ganz weit links nach ganz weit rechts gegangen sind. Vielleicht nicht unbedingt ein Beispiel, dem man nacheifern sollte.
Am 25. Mai 2007 um 23:31 Uhr
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Am 27. Mai 2007 um 18:17 Uhr
[…] studentischer Kommunist, Mitgründer und erster Vorsitzender der Ärzte ohne Grenzen und heutiger Außenminister unter Nicolas Sarkozy, organisierte 1978 Hilfs- und Rettungsaktionen für die vietnamesischen Boat People. Kouchner schlug […]
Am 17. Juni 2007 um 14:48 Uhr
[…] dem Beitrag Vive la France? gab es einen energischen Einspruch, der Kommentator konnte es nicht verstehen, wie man mit Bernard […]