Ideologische Grabenkämpfe

Sie verkörperten den Gedanken, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als die ideologischen Grabenkämpfe zwischen links und rechts, zwischen Kommunisten und Antikommunisten. Das humanitäre Engagement, das Menschen, ungeachtet ihrer politischen Überzeugungen, retten will, steht darüber. Man rettet Menschen, weil sie zu ertrinken drohen. Das ist so einfach und sagt doch alles. Sartres und Arons Einverständnis kam dem Mauerfall gleich. Die zerfiel damals in den Köpfen der Intellektuellen und der Bevölkerung.

Obiges Zitat ist dem neuen Buch Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens von André Glucksmann entnommen. Zugegebener Maßen stammt es nur aus einer Rezension, aber das Buch steht auf meiner Leseliste ganz oben, versprochen.

Die Geschichte hinter dem Zitat ist ein Teil der politischen und ideengeschichtlichen Entwicklung Frankreichs, insbesondere der “neuen Linken”: Bernard Kouchner, zu 68′er Zeiten engagierter studentischer Kommunist, Mitgründer und erster Vorsitzender der Ärzte ohne Grenzen und heutiger Außenminister unter Nicolas Sarkozy, organisierte 1978 Hilfs- und Rettungsaktionen für die vietnamesischen Boat People. Kouchner schlug zu dieser Zeit Andre Glucksmann vor, ein Schiff (das sogenannte “Schiff für Vietnam”) zu chartern, um die Menschen vor dem Vietcong und dem Ertrinken zu retten.

Glucksmann, unter dem Schock von Solschenizyns Archipel Gulag und den kambodschanischen Killing Fields, war von dieser Idee begeistert und baute ein Netzwerk von Unterstützern auf, dem u.a. Michel Foucault angehörte - trotz seiner theoretischen Differenzen zu Glucksmann. Aber die Überwindung der ideologischen Gräben im Namen der Menschlichkeit betraf nicht nur diese beiden Intellektuellen, sondern sie ging noch viel weiter, als sich Raymond Aron, Vordenker der französischen Rechten, und Jean-Paul Sartre dem Netzwerk anschlossen. 1979, ein Jahr vor Sartres Tod, gingen der Antikommunist und der Kommunist gemeinsam in den Elysée-Palast, um den Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing dazu zu bewegen, mindestens 3000 vietnamesischen Boat People Asyl zu gewähren.

Dieser Auftritt ist mittlerweile legendär, der “Mauerfall” in den Köpfen steht bis heute dafür, dass das humanitäre Engagement wichtiger als alle ideologischen oder parteipolitischen Auseinandersetzungen ist. Man schüttet zeitweise die ideologischen Gräben zu, damit man nicht die Massengräber zuschütten muss.

Im Rückblick auf das zwanzigste Jahrhundert als Jahrhundert der Massenmorde findet sich in dem Buch ein weiteres Zitat, welches jedoch keiner weiteren Erklärung bedarf:

Am Ende meines Lebens, denn ich bin schon ziemlich alt, möchte ich nicht noch einmal Zeuge eines Genozids werden, ich ertrage das nicht und über die Rechtmäßigkeit dieses Begriffes diskutiere ich nicht, wenn von einer Millionen Tschetschenen 200.000 umgekommen sind. Grosny wurde von der russischen Armee dem Erdboden gleichgemacht - ganz so wie Warschau nach dem Aufstand 1944 niedergebrannt wurde. (…) Angesichts dessen, was in Tschetschenien geschieht und in Darfur, geht es in erster Linie darum, Massaker abzuwenden. Wir müssen Verantwortung dafür übernehmen. Massenmorde dürfen nicht geschehen

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